Hauptunfallursache überhöhte Geschwindigkeit? Gelogen!

Das Bundesamt für Statistik (DESTATIS) hat die Unfallbilanz für 2015 vorgestellt. Unter dem Titel: „So häufig sterben Menschen auf deutschen Straßen“ publiziert der STERN (natürlich) auch die Standardthese, die auch durch ständige Wiederholung weder richtiger noch überzeugender wird:

Die häufigste Ursache für tödliche Unfälle ist nach Angaben von Destatis überhöhte Geschwindigkeit.

Nicht nur das, diese Behauptung ist glatt gelogen! Tatsächlich ist a.a.O. bei DESTATIS Folgendes nachzulesen:

Häufigste Unfallursache waren Fehler beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren, sowie beim Ein- und Anfahren

Die meisten Verkehrsunfälle sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. 91 % aller erfassten Unfallursachen beruhen auf Fehlern der Verkehrsteilnehmer. Hauptunfallursache bei Fahrzeugführern im Jahr 2015 waren Fehler beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren sowie beim Ein- und Anfahren (16 %). Am zweithäufigsten wurde die Vorfahrt beziehungsweise der Vorrang anderer Verkehrsteilnehmer missachtet (15 %). Häufig wurde auch der Abstand nicht eingehalten (14 %) beziehungsweise die Geschwindigkeit nicht angepasst (13 %).

EBEN !!!

Überhöhte Geschwindigkeit (so fragwürdig dieser Begriff schon an sich ist) lag erst auf Platz 4.

Wie schon des öfteren gesagt: Wenn man seit über 20 Jahren anwaltlich überwiegend im Verkehrsrecht tätig ist und überhöhte Geschwindigkeit tatsächlich die Hauptunfallursache wäre, müsste eine entsprechende statistische Signifikanz ohne weiteres erkennbar sein. Ist sie aber nicht! Die Hauptunfallursache ist, einfach gesagt, schlicht Doofheit – oder vornehmer: Unfähigkeit der Damen und Herren am Steuer.

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13 Gedanken zu “Hauptunfallursache überhöhte Geschwindigkeit? Gelogen!

  1. Die Frage, die sich mir stellt ist, bei welcher Art von Unfällen die häufigsten Todesfälle auftreten? Das muss ja nicht mit der häufigsten Unfallart zusammenhängen. Als Hypothese kann ich mir durchaus vorstellen, dass es bei Unfällen mit hoher Geschwindigkeit eher zu einem tödlichen Unfall kommt als bei langsameren Rückwärtsfahrten.

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  2. Ihre beiden Zitate betreffen zwei unterschiedliche Aussagen. In der einen geht es um _tödliche_ Unfälle, die zweite bezieht sich auf die Häufigkeit von Unfallursachen insgesamt. Ich kann Ihre Kritik an der ersten Aussage deswegen nicht nachvollziehen.

    Gruß
    A.

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  3. Harte Äusserung, in dem Bericht findet sich mehrfach exakt die Aussage, dass überhöhte Geschwindigkeit die häufigste Ursache für Unfälle mit Todesfolge sind.
    Die von Ihnen zitierte Statistik bezieht sich dagegen auf Personenschäden allgemein.

    Kurzum: Ja beim Abbiegen und Rückwährtsfahren passieren mehr Unfälle mit Verletzten, aber aufgrund der geringen Geschwindigkeit gibt es auch weniger Tote.

    An anderer Stelle sagt der Bericht auch, dass die Stadt gefährlicher als jeder andere Verkehrsbereich ist, aber die Landstraße am tödlichsten.

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  4. Etwas zu differenzieren wäre sicher nicht verkehrt: Es wird von häufigster UNFALLursache, aber auch von schlimmsten Unfallfolgen gesprochen. Was die Unfallursache angeht, und die sehr elastische Berichterstattung der Medien dazu, bin ich mit Ihnen übrigens völlig d’accord. Es wäre wohl wieder mal Zeit, die Preßbengel an die journalistische Wahrheitspflicht zu erinnern.
    Der von Ihnen benannte Bericht sagt, [Hervorhebung von mir]:
    >>Überhöhte Geschwindigkeit war häufigste Todesursache im Straßenverkehr
    Allerdings haben Unfälle durch nicht angepasste Geschwindigkeit die schlimmsten Unfallfolgen: …<<
    .

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  5. Kann mich da meinen Vorrednern nur anschließen. Auf Seite 12 des Berichts heißt es wörtlich:

    „Dennoch sind Unfälle durch nicht angepasste Geschwindigkeit nach wie vor die häufigste Ursache
    bei einem tödlichen Verkehrsunfall: 34 % aller im Straßenverkehr Getöteten starben bei Unfällen
    aufgrund nicht angepasster Geschwindigkeit.“

    Die einzige Unschärfe in Ihrem Stern-Zitat wäre, dass dort der Begriff „überhöhte Geschwindigkeit“ verwendet wird, während das Statistische Bundesamt von „nicht angepasster Geschwindkeit“ spricht. Das scheint mir aber verzeihlich. Die Formulierung im Destatis-Dokument ist ja auch etwas holprig („Unfälle sind die Ursache bei einem Unfall“). Es wird dennoch klar, wie das gemeint ist.

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  6. Egal welche Rechnung man aufmacht (ob man also über alle Unfälle oder nur über Unfälle mit Todesfolge reden will): die Formulierung mit der „häufigsten Ursache“ führt deswegen in die Irre, weil damit – bewusst oder unbewusst – der Eindruck hervorgerufen wird (werden soll), dass die Mehrzahl der Unfälle auf diese Ursache zurückzuführen ist. Insbesondere in Presseartikeln wird suggeriert, dass „häufig“ mit „deutlich mehr als die Hälfte“ gleichzusetzen ist.

    Würde man berichten, dass bei 87 % alle Unfälle und 66 % aller Todesfälle die unangepasste (= zu hohe) Geschwindigkeit überhaupt keine Rolle gespielt hat, wäre das ja für das Empfinden der Leserschaft geradezu fatal … dann könnte man sich ja gar nicht mehr über die „Raser“ aufregen, die mit 38 km/h in der 30er-Zone unterwegs sind. 😉

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  7. Ich habe mir die Pressemitteilung nicht durchgelesen, das ist nur Sekundärliteratur. Die die Primärquelle, die aktuelle Statistik, ist viel interessanter. Das ergibt dann folgendes Bild:

    Das Fehlverhalten der Fahrzeugführer insgesamt bei Unfällen mit Personenschäden betrug 366.448 Fälle (Seite 272). Davon betrugen die Fälle der nicht angepassten Geschwindigkeit insgesamt 47.024. Und hiervon die Fälle nicht angepasste Geschwindigkeit mit gleichzeitiger Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit 2.659.

    Somit lässt sich feststellen, dass der Anteil der Fälle nicht angepasster Geschwindigkeit mit gleichzeitiger Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit bezogen auf die Fälle des Fehlverhaltens der Fahrzeugführer insgesamt nur 0,7256% beträgt.

    Bei den Getöteten sieht es ein bisschen anders aus. Hier beträgt das Fehlverhalten der Fahrzeugführer insgesamt bei Unfällen mit Getöteten 4.379 Fälle (Seite 275). Davon betrugen die Fälle der nicht angepassten Geschwindigkeit insgesamt 1.144. Und hiervon die Fälle nicht angepasste Geschwindigkeit mit gleichzeitiger Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit 235.

    Somit lässt sich feststellen, dass der Anteil der Fälle nicht angepasster Geschwindigkeit mit gleichzeitiger Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit bezogen auf die Fälle des Fehlverhaltens der Fahrzeugführer insgesamt bei den Getöteten nur 5,36652% beträgt.

    Und das ganze müsste man jetzt auch noch berechnen auf die Gesamtzahl der von der Polizei in 2015 erfassten Unfälle mit 2,5 Millionen (Seite 43)…

    Damit wir uns nicht missverstehen: Ich halte die meisten Raser für hirntote Vollpfosten. Aber die Zahlen zeigen, dass es bei solchen Veranstaltungen wie den Blitzermarathon nicht primär um die Verkehssicherheit geht, sondern fiskalischen Zwecken dient. Es ist leicht verdientes Geld. Oder hat es hinsichtlich der 99,2744% der anderen Fehlverhalten, die zu Unfällen führten, ähnliche Aktionen wie den Blitzermarathon bislang gegeben?

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